4.  „Wie dieser junge Mann fast vor Angst zergangen ist"4.  „Wie dieser junge Mann fast vor Angst zergangen ist"

4. „Wie dieser junge Mann fast vor Angst zergangen ist"

Der Dezember startete für Amelie und mich gleichermaßen mit Stress. Wir wollten uns beide ab dem 21.12., also kurz vor Weihnachten, frei nehmen. Deshalb nahmen wir beide noch einmal die Beine in die Hand und versuchten, so viele Interviews wie möglich zu planen. Allerdings befanden sich die meisten Zeitzeug*innen, die wir kontaktierten *Überraschung, Überraschung* (genauso wie wir selbst ja auch), im Vorweihnachtsstress. Deshalb ging dieser Plan auch nicht ganz so gut auf, wie wir erwartet hatten.

Weihnachtsüberraschung

Symbolfoto: pixabay.com

Vielleicht war das aber auch ganz gut so, da wir uns eine Überraschung für all die Zeitzeug*innen ausgedacht hatten, mit denen wir schon ein Interview hatten oder aber noch zu haben hofften: An alle schrieben wir einen persönlichen (Danke- und Weihnachts-) Brief und legten jeweils einen kleinen Zimtstern in den Briefumschlag.

Allerdings hört sich das erst mal einfacher an, als es tatsächlich ist. Ich musste nämlich nicht nur Weihnachtsgrüße an alle Zeitzeug*innen schicken, sondern auch noch an die eigene Familie und Freund*innen. Bei uns ist es eine Tradition, jedes Jahr zu Weihnachten kleine Briefe an alle Leute, die uns wichtig sind, zu schreiben. Das alles ergab einen riesigen Haufen an verschiedensten Briefen, Adressen, Absendern und Briefmarken. Als ich alles fertig geschrieben hatte, musste ich jeden Brief der richtigen Adresse zuordnen, den richtigen Absender drauf schreiben und die richtige Briefmarke draufkleben. Und das bei circa 50 Briefen auf einmal. Ich muss sagen, dass dieser Moment der erste seit meinem Abitur war, in dem ich dermaßen fokussiert und gleichzeitig gestresst war. Und das soll was heißen!

Allerdings war es dann echt lustig, als ich händeweise Briefe in den Briefkasten warf und so lange brauchte, dass ich immer wieder Leute vorlassen musste, die auch Post wegbringen wollten. Außerdem ist es ein wirklich schönes Gefühl, Leuten mit solchen Kleinigkeiten eine Freude zu bereiten. Tatsächlich habe ich ein paar Tage später bereits von einer Zeitzeugin aus Rheinland-Pfalz einen Antwortbrief bekommen, in dem sie sich total lieb bedankte. Und auch Amelie bekam eine echt rührende Mail von einem Zeitzeugen, der sich auch super gefreut hatte.

Vorweihnachts-Interviews

(Jana Fey)

Tatsächlich hatte ich dann in der Woche vor meinem Urlaub auf einmal doch noch drei verschiedene Interviews. Die liefen auch alle echt gut. Vor allem eins hat mich dabei wirklich sehr berührt. Und das war das Interview mit Frau Kiehl, einer Dame aus Rheinland-Pfalz. Frau Kiehl hat sich ihr Leben lang sehr für das Deutsche Rote Kreuz engagierte. Sie konnte mir viele kleinere und größere Geschichten und Anekdoten aus ihrer Vergangenheit erzählen. Aber sie sagte auch, dass sie eine Sache einfach nicht los lasse. Und das waren ihre Erlebnisse in der Warschauer Botschaft.

Die Warschauer Botschaft

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland vorerst in die vier Besatzungszonen der Alliierten unterteilt, bis dann schließlich kurz hintereinander aus den Besatzungszonen von Amerika, England und Frankreich die Bundesrepublik Deutschland und aus der sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik entstanden. Deutschland war aber nicht nur geografisch in die BRD und DDR gespalten, sondern provoziert durch den Kalten Krieg und zwei völlig entgegengesetzten Ideologien auch auf einer viel tieferen Ebene.

Durch das wirtschaftliche und politische System in Ostdeutschland herrschte in der DDR eine große Unzufriedenheit der Menschen. Viele Ostdeutsche litten unter Armut, Unterdrückung der Meinungsfreiheit, undemokratischen Wahlen und weiteren Missständen, weshalb viele versuchten, nach Westdeutschland in die BRD zu gelangen. Als die Zahlen der flüchtenden Menschen immer weiter anstiegen, schloss die DDR die Grenzen. Trotzdem flüchteten mit einem weiteren Anwachsen der Konflikte innerhalb der DDR, aber auch in der Außenpolitik, immer mehr Menschen. Ein Kreislauf begann: Je unzufriedener die Menschen in der DDR wurden, desto mehr flüchteten. Und je mehr Menschen flüchteten, desto mehr ließ Ostdeutschland seine eigenen Bürger*innen von der „Stasi“ ausspionieren und für Fluchtgedanken bestrafen. Und dadurch wiederum wollten noch mehr Menschen diesem System entkommen.

Um die Gefahren einer Flucht über die deutsch-deutsche Grenze zu umgehen, flohen viele Bürgerinnen und Bürger unter teilweise schlimmen Bedingungen in die deutschen Botschaften, zum Beispiel in Prag und Warschau. Von dort konnten sie dann in Westdeutschland eingebürgert werden. Als Folge wurden die Botschaften vor Flüchtlingen zunehmend überrannt, so dass das DRK eingeschaltet wurde, um zu helfen.

Eine Geschichte von Frau Kiehl

In diesem Kontext kam auch Frau Kiehl in die Warschauer Botschaft, um zu helfen. Sie erzählte mir, wie sie das, was sie dort vorfand, für ihr weiteres Leben prägte. Auch andere Zeitzeug*innen hatten mir bereits sehr bildhaft die Situation in der Botschaft geschildert. Aber die Art, in der mir Frau Kiehl eine Begebenheit erzählte, hat mich irgendwie getroffen. Sie beschrieb, wie sie eines Tages beim Besuch einer Außenstelle einen jungen Mann unbeweglich bei einem Haus stehen sah. Er soll so weiß gewesen sein wie die Wand, an der er lehnte. „Der hat förmlich Angst versprüht. Die habe ich körperlich wahrgenommen. (…) Und mir läuft heute noch ein Schauer über den Rücken, wenn ich daran denke, wie dieser junge Mann vor Angst fast zergangen ist.“ So, wie sie das sagte, hat es mich irgendwie in diesen Moment herein katapultiert und mir ist klar geworden, wie schrecklich die Zeit für viele Menschen war. Und das, obwohl es noch gar nicht lange her ist.

Ich glaube nicht, dass ich diese Erzählung jemals werde vergessen können.

Was mir diesen Monat klar geworden ist

Ich befasse mich eigentlich viel mit Geschichte und auch mit solch schweren Themen wie Flucht. Und wenn man sich viel mit einem Thema oder einer Situation beschäftigt, glaube ich, neigt man schnell dazu zu denken, man verstehe es jetzt. Man verstehe wie sich das anfühlt. Man begreife die tiefere Bedeutung. Aber ich weiß auch, dass das zwar rein menschlich aber gleichzeitig eben sehr überheblich ist. Mir ist wichtig, mir immer klar zu machen: In Wirklichkeit werde ich das niemals auch nur annähernd begreifen. Und das nur aus dem einen Grund, dass ich aus einer Generation und Gesellschaftsschicht komme, die niemals annähernd ähnliches Leid empfunden hat. Die Probleme eines Nachkriegskindes, eines Flüchtlings, einer rassistisch diskriminierten Person (PoCs: People of Color), einer homosexuellen Person und vielen anderen, werde ich als nicht Betroffene (also als weiße, cisgender Person aus der Generation Z, die in Deutschland geboren ist), niemals wirklich in ihrem vollen Maße verstehen. Aber ich kann es versuchen. Und ich denke, dass es unglaublich wichtig ist, es zu versuchen. Denn es gibt so viele Probleme in der Welt und ich glaube, es wäre allein schon ein großer Schritt sich nicht nur mit seinen eigenen Problemen, sondern auch mit den Problemen anderer zu befassen. Aus dem gleichen Grund habe ich das Gefühl, dass mich das Projekt und solche Geschichten, wie sie mir Frau Kiehl erzählt hat, sehr stark weiter bringen. Ich frage mich, welche Probleme der Welt wir alle lösen könnten, wenn wir einander mehr zuhören würden. Und ich frage mich welche Probleme wir überhaupt noch hätten, wenn wir uns an nur ein paar grundlegende moralische Regeln halten würden.

Ich glaube, dass die 7 Grundsätze des Roten Kreuz (allen voran natürlich der erste Grundsatz, die Menschlichkeit) eigentlich ein selbstverständlicher Maßstab für jeden sein sollten.

Viele Konflikte entstehen durch Ungleichheit und Unverständnis. Es ist oft schwer, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Vor allem, wenn diese komplett andere Überzeugungen oder Lebensumstände haben. Deshalb ist Kommunikation wichtig. Und deshalb habe ich diesen Monat auch gemerkt, wie wichtig der zweite Grundsatz des DRK, der Unparteilichkeit, eigentlich ist. In diesem Grundsatz ist festgeschrieben, dass jedem Menschen geholfen werden sollte, der Hilfe braucht. Unabhängig davon welche Kultur, Nationalität, politische Überzeugungen, Rassifizierung, Religion oder soziale Stellung er besitzt. Wie schwer das manchmal fallen kann, ist, denke ich, jedem klar. Und gerade deshalb beeindruckt mich die Konsequenz, mit der jede*r DRKler*in aus meinen Interviews diesen Grundsatz umgesetzt hat, umso mehr.

Tja, offensichtlich bringt mich die anhaltende Zeit des Beinahe-Lockdowns zum Philosophieren über die ganz großen Themen der Welt …

Ich wünsche jeder/jedem Leser*in Gesundheit, ganz viel Kraft und Durchhaltevermögen und nachträglich noch mal frohe Weihnachten und einen gutes Jahr 2021! Jana Fey