Katastrophenschutzsymposium in Augustdorf: „Zivile und militärische Verteidigung – ist Westfalen vorbereitet?“

Katastrophenschutzsymposium in AugustdorfFoto: Christine Futter / LV WL
Über die zivile- und militärische Verteidigung in Westfalen diskutierten (v. l.) Manfred Müller als Vorsitzender von Westfalen e. V., Brigadegeneral Hans-Dieter Müller, der Landesbeauftragte des DRK NRW für den Bevölkerungsschutz Uwe Krischer, MdB Kerstin Vieregge, Landesinnenminister Herbert Reul, Regierungspräsidentin Anna Katharina Bölling, Landrat Christoph Rüther, Brigadegeneral Holger Eggert und Landesdirektor Dr. Georg Lunemann. Foto: Christine Futter / LV WL
Innenminister Herbert ReulFoto: Christine Futter / LV WL
NRW-Innenminister Herbert Reul
Dr. Hasan SürgitFoto: Christine Futter / LV WL
Dr. Hasan Sürgit, Vorstand des DRK-Landesverbandes Westfalen-Lippe
Uwe KrischerFoto: Christine Futter / LV WL
Uwe Krischer, Landesbeauftragte des DRK NRW für den Bevölkerungsschutz
Helena Tenambergen und Reiner BluhmFoto: Christine Futter / LV WL
Helena Tenambergen, Referentin Rotkreuzgemeinschaften und Reiner Bluhm, Landesbeauftragter Westfalen-Lippe für die Bergwacht
Natascha AmbergFoto: Christine Futter / LV WL
Natascha Amberg, DRK-Landesverstärkung Westfalen, und Raphael Schnocks, Bundesfreiwilligendienstler, stellen das neue DRK-Escape-Room-Spiel vor.

Fachveranstaltung weckt das Interesse von rund 300 Teilnehmenden aus ganz Westfalen

„Zivile und militärische Verteidigung – ist Westfalen vorbereitet?“, dieser Frage sind der Westfalen e. V. als bürgerschaftliche Interessensvertretung der Westfälinnen und Westfalen sowie die Bezirksregierung Detmold im Rahmen einer Fachveranstaltung in der Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in Augustdorf am 8. Januar 2026 nachgegangen. Rund 150 Akteure aus Bundeswehr, Katastrophenschutz, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft kamen zusammen. Weitere rund 150 Personen verfolgten den Live-Stream der Veranstaltung. Auch der DRK-Landesverband Westfalen-Lippe war mit dabei.

Regierungspräsidentin Anna Katharina Bölling zeigte sich mit Blick auf die veränderte sicherheitspolitische Lage in Europa und darüber hinaus überzeugt, dass das Thema in der heutigen Zeit mehr denn je von entscheidender Bedeutung sei. In Westfalen und generell als Gesellschaft müsse man sicherstellen, sich sowohl auf äußere Gefahren als auch auf innere Krisen vorzubereiten.

Die zivile und militärische Verteidigung seien unverzichtbar und untrennbar miteinander verbunden. So hänge unsere Sicherheit nicht nur von der Stärke unserer militärischen Verteidigung, sondern auch davon ab, wie gut wir in der Lage seien, unsere zivile Infrastruktur zu schützen und als Gesellschaft handlungsfähig zu bleiben. Exemplarisch dafür stehe der jüngste großflächige Stromausfall in Berlin.

„Wir haben keine Zeit mehr“, fand auch Marco Eggert, Brigadegeneral und Kommandeur der Panzerbrigade 21 in Augustdorf, deutliche Worte. Die äußere Bedrohungslage sei so erheblich, wie sie in der deutschen Geschichte noch nie gewesen sei. Von entscheidender Bedeutung sei es daher, Feinde abzuschrecken und sich gemeinsam auf den Ernstfall vorzubereiten.

Manfred Müller als Vorsitzender von Westfalen e. V. bezog sich zur Einführung auf die Aussage Konrad Adenauers: „Wir wählen die Freiheit!“ Wie zu dessen Zeiten Wiederbewaffnung und europäische Verteidigungsfähigkeit auf der Agenda standen, so seien diese Themen heute wieder in Form von Aufrüstung der Bundeswehr und stärkerer Kooperation in Europa relevant, so Müller, der selbst 16 Jahre Landrat war. Der Blackout in Berlin zeige dramatisch, dass stärkere Resilienz bei Katastrophen- und Zivilschutz wichtiger Standortfaktor sei.

„Es kann ernst werden“, pflichtete Herbert Reul als Minister des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen Marco Eggert bei. Spätestens nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges, der Energiemangellage oder der Flut im Ahrtal müsse jeder und jedem klar werden: „Die Hütte brennt.“ Gemeinsam müsse alles unternommen werden, den Frieden als Garanten für unseren Wohlstand und unser Zusammenleben in Freiheit zu schützen.

Der Schlüssel von allem sei es, das Thema ernst zu nehmen, eine breite Unterstützung aus der Gesellschaft zu erfahren, die notwendigen Mittel bereitzustellen sowie die Abläufe für den Ernstfall zu definieren und zu proben. In Nordrhein-Westfalen funktioniere die Zusammenarbeit zwischen der Blaulichtfamilie und der Bundeswehr bereit gut. Dies sei auch der Verdienst der zahlreichen ehrenamtlichen Engagierten, die immer dann zur Stelle seien, wenn sie gebraucht würden. Auf den Ernstfall vorbereitet sei man aber erst dann, wenn alle planerischen Aufgaben erledigt seien und der Staat auch in Krisenzeiten am Laufen gehalten werden könne.

Podiumsdiskussion sucht nach Lösungen, um die Gesellschaft besser auf verschiedene Krisen und Bedrohungslagen vorbereitet werden kann

In der anschließenden Podiumsdiskussion suchte Manfred Müller als Vorsitzender von Westfalen e. V. mit der Bundestagsabgeordneten Kerstin Vieregge, dem Landrat des Kreises Paderborn Christoph Rüther, dem Brigadegeneral und Kommandeur des Landeskommandos Nordrhein-Westfalen Hans-Dieter Müller sowie Uwe Krischer als Landesbeauftragter für den Bevölkerungsschutz des DRK-Landesverbandes Westfalen-Lippe nach Lösungen, wie die Gesellschaft besser auf verschiedene Krisen und Bedrohungslagen vorbereitet werden könne.

„Wir sind noch nicht im Krieg, aber leben auch nicht mehr im Frieden“, unterstrich Hans-Dieter Müller den Ernst der Bedrohungslage. Die Anstrengungen in Deutschland wehrhaft zu werden, seien riesig. 

Hans-Dieter Müller kritisierte zugleich, dass die Bundeswehr seit der deutschen Wiedervereinigung heruntergewirtschaftet worden sowie die Landes- und Bündnisverteidigung aus den Augen verloren sei. Diesen Rückstand gelte es schnellstens aufzuholen. In diesem Zusammenhang seien die Aufstockung der Bundeswehr auf 260.000 Köpfe und die Wiedereinführung der Wehrpflichten unerlässlich.

Die Bundestagsabgeordnete Kerstin Vieregge konnte Müller nur zustimmen. Dass die Nato-Mitgliedsstaaten künftig geschlossen mindestens fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung und Sicherheit investieren würden, sei ein wichtiges Signal. Zugleich sah sie es als unerlässlich an, das Thema „Verteidigung“ ganzheitlich zu denken und etwa die medizinische Versorgung miteinzubeziehen. 

Eine Herausforderung sah Christoph Rüther im Spagat zwischen Angstmacherei und die Erzeugung eines hinreichenden Bewusstseins in der Öffentlichkeit für die Bedrohungslage. Die Lage sei aber ernst. Auf Ebene des Bevölkerungsschutzes funktioniere die Zusammenarbeit untereinander bereits vielfach sehr gut, weil man miteinander an einem Strang ziehe und sich auf den Ernstfall vorbereite.

Es gebe aber noch viel zu tun. Dies habe beispielsweise der Tornado in Ostwestfalen-Lippe im Sommer 2022 gezeigt. Zwischenzeitlich habe man daher beispielsweise eine Rettungsdrohne entwickelt, die helfe, sich in kürzester Zeit einen Überblick über die Lage zu verschaffen.

Uwe Krischer kritisierte in seinem Beitrag die sinkende Selbsthilfefähigkeit in der Gesellschaft, bei einem gleichzeitig steigenden Anspruch an den Staat. Im Ernstfall müsse jede und jeder in der Lage sein, sich selbst zu helfen. Große Sorgen mache ihm auch, dass global zunehmend das humanitäre Völkerrecht missachtet werden und das Recht des Stärkeren Anwendung finde. Um den Bevölkerungsschutz noch weiter zu stärken, seien die Sensibilisierung der Gesellschaft und Geld unerlässlich. Krischer zeigte sich aber auch überzeugt, dass es im Ernstfall zu einer Freiwilligenwelle kommen werde und sich also im Ernstfall viele Bürgerinnen und Bürger engagieren werden.

In der anschließenden Fragerunde wurde über zahlreiche Aspekte der zivilen und militärischen Verteidigung diskutiert. Zudem präsentierte der DRK-Landesverband Westfalen-Lippe zusammen mit dem DRK-Kreisverband Lippe e.V. den zahlreichen Gästen seine Arbeit und stellte unter anderem Katastrophenschutzfahrzeuge vor. Nach dem offiziellen Teil standen viele Teilnehmende noch zusammen und tauschten sich miteinander aus – darunter auch Dr. Georg Lunemann als Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen und Heinrich Böckelühr als Regierungspräsident von Arnsberg.