Geht nicht? Geht doch!

Mein Platz im DRK: „Einfach machen!“ – Inklusion in der DRK-Gemeinschaft Olsberg

Menschen mit Behinderungen engagieren sich selbstverständlich in der DRK-Gemeinschaft Olsberg.

Für Judith und Frank, beide Rotkreuzleiter vor Ort, gehört das längst zum Alltag. Im Gespräch erzählen sie, wie Inklusion im Ehrenamt funktionieren kann – und warum man manchmal einfach anfangen sollte.

Auf dem Foto (v. l. n. r.): Frank, Rotkreuzleiter der DRK-Gemeinschaft Olsberg, Judith, Rotkreuzleiterin der DRK-Gemeinschaft Olsberg, und Ralf vom Projekt „Ehrenamt inklusiv“.

Der Weg ins DRK 

Frank ist schon viele Jahre Teil der Gemeinschaft. 

„Ich bin 44 Jahre alt und seit 2009 beim DRK“, erzählt er. Heute ist er Rotkreuzleiter in Olsberg, Feldkoch und Gruppenführer Betreuung. 

Sein Einstieg ins Ehrenamt war unkompliziert. 

„Eigentlich über Veranstaltungen im Ort und über Bekannte. Irgendwann war ich einfach dabei.“ 

Judith kam einige Jahre später dazu. 

Sie ist 35 Jahre alt, ebenfalls Rotkreuzleiterin in Olsberg, Rettungshelferin und Führungshelferin in der Einsatzleitung. 

Ihr Weg ins DRK begann über die Familie. 

„Mein Bruder Gregor war hier schon aktiv. Als die Gemeinschaft aus der alten Unterkunft in die neue gezogen ist, habe ich beim Umzug geholfen – und dann bin ich einfach hängen geblieben.“ 

Inklusion kam ganz selbstverständlich 

Dass sich auch Menschen mit Behinderungen in der Gemeinschaft engagieren, hat sich in Olsberg ganz natürlich entwickelt. 

„Es kamen immer wieder Menschen vorbei, die mitmachen wollten“, sagt Frank. 

„Wir haben uns gedacht: Warum denn auch nicht?“ 

Die wichtigste Frage sei immer gewesen: Welche Aufgaben passen gut zu den jeweiligen Fähigkeiten? 

„Für jeden gibt es irgendeine Aufgabe – und bisher haben wir immer eine passende gefunden“, berichtet Frank. 

Gemeinsam schauen, was möglich ist 

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Einsätze besondere Anforderungen stellen. 

„Es kommt immer auf das Einsatzbild an“, erklärt Judith. 

„Wenn ein Einsatz zum Beispiel in unwegsamem Gelände stattfindet, kann es schwieriger werden.“ 

Deshalb wird gemeinsam geschaut, was gut funktioniert und wo Unterstützung sinnvoll ist. 

„Wir sprechen auch mit Eltern oder Betreuer*innen und überlegen gemeinsam: Was ist möglich und was passt gut?“, sagt Frank. 

Verantwortung im Einsatz 

Dass Menschen mit Behinderungen wichtige Aufgaben übernehmen können, hat die Gemeinschaft mehrfach erlebt. 

Ein Helfer war zum Beispiel regelmäßig bei Einsätzen dabei. 

„Er war bei uns für die warmen Getränke zuständig und fast immer mit im Einsatz – auch im Gelände“, erzählt Frank. 

„Wir waren sehr traurig, als er gegangen ist.“ 

Auch gegenseitige Aufmerksamkeit gehört für Judith dazu. 

„Man sollte proaktiv schauen, ob es jemandem vielleicht zu viel wird, und auch mal sagen: ,Setz dich kurz hin und trink erst einmal einen Kaffee.‘“ 

Denn manchmal gehe es auch einfach darum, rechtzeitig Pausen zu ermöglichen. 

Ein starker Wille, sich einzubringen 

Eine Erfahrung haben Judith und Frank immer wieder gemacht: Viele Menschen mit Behinderungen bringen eine besonders große Motivation mit. 

„Viele haben einen starken Willen, etwas für die Gemeinschaft zu tun“, sagt Frank. 

„Sie wollen dazugehören und tragen sowohl schwierige Momente als auch Erfolge mit.“ 

Der wichtigste Rat: Einfach anfangen 

Was würden Judith und Frank anderen DRK-Gemeinschaften raten? 

Judith muss nicht lange überlegen. 

„Traut euch! Einfach machen!“ 

Für sie ist klar: Jeder Mensch hat ein Recht auf Teilhabe – auch im Vereinsleben. 

„Mensch ist Mensch – egal, ob mit nur einem Arm, einem Bein oder anderen Einschränkungen.“ 

Oft seien Anpassungen leichter möglich, als viele denken. Für bauliche Veränderungen wie Rampen oder Handläufe gebe es beispielsweise Fördermöglichkeiten. 

Menschen erreichen und Kontakte knüpfen 

Damit sich noch mehr Menschen mit Behinderungen im DRK engagieren, sieht Frank vor allem eine Aufgabe in der Ansprache. 

„Man müsste gezielter Werbung machen, damit sich die Menschen angesprochen fühlen.“ 

In Olsberg gibt es bereits Kontakte zu Einrichtungen wie dem Josefsheim, den Caritas-Werkstätten oder der Lebenshilfe. Diese Netzwerke helfen dabei, neue Wege ins Ehrenamt zu eröffnen. 

Und Frank meint: 

„Man kann bei der ganzen Geschichte mehr richtig machen als falsch.“

Mein Platz im DRK: „Ich bin nicht behindert – ich bin einfach anders“ – Engagement im DRK-Landesverband Hessen

Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten engagieren sich im Deutschen Roten Kreuz – so auch Chris (52) im DRK-Landesverband Hessen.

Im Gespräch erzählt sie, wie sie ihren Weg ins Ehrenamt gefunden hat, welche Rolle ihre Diagnose spielt – und warum Offenheit und Ausprobieren so wichtig sind.

Auf dem Foto (v. l. n. r.): Ralf vom Projekt „Ehrenamt inklusiv“ und Chris aus dem DRK-LV Hessen

Der Weg ins DRK 

Der Wunsch, sich im Roten Kreuz zu engagieren, begleitet Chris schon seit ihrer Kindheit. 

„Das hat mich eigentlich von klein auf begleitet. Ich wollte immer ins Rote Kreuz.“ 

Den entscheidenden Schritt machte sie schließlich selbst. 

„Auf einem Weihnachtsmarkt habe ich mich einfach getraut, hinzugehen und zu fragen, ob sie noch jemanden brauchen.“ 

Aus dieser spontanen Anfrage wurde ein langjähriges Ehrenamt. Heute ist Chris seit etwa 25 Jahren Teil der Rotkreuzgemeinschaft und hat ihren Platz insbesondere im Katastrophenschutz gefunden. 

Diagnose und Selbstverständnis 

Schon früh merkte Chris, dass sie in manchen Bereichen anders wahrgenommen wurde als andere Menschen. Lange Zeit konnte sie das jedoch nicht einordnen. 

Vor vier Jahren erhielt sie schließlich die Diagnose Autismus und ADS. 

Für sie hat diese Diagnose vor allem eines bewirkt: mehr Verständnis für sich selbst. 

Dazu sagt sie: “Ich würde es nicht unbedingt als Behinderung bezeichnen. Für mich ist das eher eine Besonderheit, weil ich mich nicht behindert fühle. Ich komme gut zurecht – was mich eher behindert, ist manchmal die Außenwelt. Seit ich meine Stärken und Schwächen kenne, kann ich deutlich besser damit umgehen – auch im Ehrenamt.”  

Aktuell wagt sie sogar einen Schritt, den sie sich früher kaum zugetraut hätte. 

„Ich probiere mich im Bereich Ausbildung aus – etwas, von dem ich früher gedacht hätte, dass es nicht möglich ist.“  

Dabei geht es ihr nicht nur um sich selbst: “Viele möchten helfen, aber es braucht auch Menschen, die ihr Wissen weitergeben und neue Ehrenamtliche begleiten. Gerade hinter den Kulissen fehlen oft Engagierte.” 

Stärken erkennen und nutzen 

Chris hat gelernt, ihre besonderen Fähigkeiten gezielt einzusetzen. 

„Ich kann Dinge gut organisieren und strukturieren.“ 

Im Katastrophenschutzzentrum hat ihr das sogar einen Spitznamen eingebracht. 

„Man nennt mich manchmal ,Graf Zahl‘, weil ich so gerne zähle und sortiere.“ 

Doch auch im zwischenmenschlichen Bereich sieht sie ihre Stärken. 

„Ich bin empathischer, als man Autist*innen oft nachsagt, und versuche, auf Menschen zuzugehen und sie zu unterstützen.“ 

Für Chris zeigt das, wie unterschiedlich Menschen sind – und wie wenig stereotype Vorstellungen oft mit der Realität zu tun haben. 

Teil einer großen Gemeinschaft sein 

Und auch Chris Antwort auf die Frage, was sie besonders an ihrem ehrenamtlichen Engagement mag, überrascht. Denn sie sagt, dass sie die Gemeinschaft im Roten Kreuz schätzt. 

„Die Kameradschaft und die Werte, die wir leben – und zwar weltweit. Wir sind eine große Rotkreuzfamilie. Egal ob in Deutschland, Amerika oder anderswo: Es gibt sofort eine gemeinsame Basis.“ 

Ihre Erfahrungen zeigen, dass viele Vorurteile über Autismus zu kurz greifen. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und gegenseitiger Unterstützung ist für sie ein wichtiger Teil ihres Engagements. 

Offenheit schafft Verständnis 

Lange Zeit war es für Chris nicht immer einfach, mit ihrer Andersartigkeit umzugehen. 

„Wenn man anders ist und sehr direkt, haben manche Menschen Schwierigkeiten damit.“ 

Heute spricht sie offen über ihre Diagnose – und erlebt dadurch viele positive Reaktionen. 

„Wenn ich sage, dass ich anders bin, können die Leute mich besser einschätzen.“ 

Diese Offenheit erleichtere vieles im Miteinander und schaffe Verständnis auf beiden Seiten. 

Trotz vieler positiver Erfahrungen sieht Chris auch Herausforderungen. 

„Viele Barrieren entstehen im Kopf. Wenn Menschen jemanden als ,anders‘ wahrnehmen, sind sie oft unsicher.“ 

Neben persönlichen Vorbehalten spielen aus ihrer Sicht auch organisatorische und strukturelle Fragen eine Rolle. 

„Es gibt im DRK gewachsene Strukturen. Da müssen wir uns auf den Weg machen, auch neue Wege zu gehen. Ich wünsche mir, dass wir genauer hinschauen und Expertinnen und Experten in eigener Sache stärker einbeziehen – auch in Gremien. Barrieren sollten von Anfang an mitgedacht werden.“ 

Gerade Menschen mit Behinderungen könnten wichtige Impulse geben, wenn es um Barrierefreiheit und Teilhabe geht. 

„Viele Menschen erwerben im Laufe ihres Lebens eine Behinderung – das kann auch unsere eigenen Mitglieder betreffen. Dieses Wissen sollten wir nutzen. Menschen mit Behinderung sind die besten Expertinnen und Experten, wenn es um barrierearme Zugänge oder ansprechende Materialien geht.“ 

Vielfalt braucht bessere Zugänge 

Um mehr Menschen für ein Ehrenamt im DRK zu gewinnen, sieht Chris noch Verbesserungsmöglichkeiten. 

„Wir machen es den Menschen teilweise schwer, überhaupt zu uns zu finden.“ 

Dabei denkt sie beispielsweise an barrierearme Internetseiten, Informationen in Leichter Sprache oder den Abbau baulicher Hindernisse. 

Für sie sind dies wichtige Voraussetzungen, damit sich Menschen überhaupt angesprochen fühlen und den ersten Schritt ins Ehrenamt wagen. 

Den eigenen Platz finden 

Menschen, die über ein Engagement nachdenken, möchte Chris vor allem Mut machen. 

„Geht einfach hin und probiert es aus. Es gibt so viele Bereiche, in denen Menschen mit Behinderungen eine große Bereicherung für unsere Gemeinschaft sind. Vielleicht passt ein Bereich nicht – aber es gibt viele andere Möglichkeiten, wo man sich wohlfühlen kann. Man muss sich nur trauen und seinen eigenen Weg finden.“ 

Ihre Botschaft ist klar: Nicht jede Aufgabe passt zu jedem Menschen. Aber im DRK gibt es viele Möglichkeiten, sich einzubringen und Teil einer starken Gemeinschaft zu werden.

„Wir können Menschen mit Beeinträchtigung unheimlich gut im DRK einsetzen – wenn wir wollen.“

Menschen mit Behinderung gehören selbstverständlich zur Gesellschaft – und genauso selbstverständlich sollten sie auch ihren Platz im Ehrenamt finden. Dass das nicht nur ein guter Vorsatz ist, sondern im Alltag funktionieren kann, erlebt Heiner Müthing seit vielen Jahren im Deutschen Roten Kreuz.

Der 59-Jährige engagiert sich im DRK-Kreisverband Brilon als Zugführer der Einsatzeinheit und in Olsberg als Gruppenführer im Bereich Betreuung und Verpflegung. Beruflich arbeitet er als Gruppenleiter in einer Werkstatt für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen. Die Verbindung dieser beiden Welten hat ihn geprägt – und zu einem überzeugten Fürsprecher für mehr Inklusion im Ehrenamt gemacht.

Auf dem Foto (v. l. n. r.): Ralf vom Projekt „Ehrenamt inklusiv“ und Heiner Müthing aus dem DRK-LV Brilon

Ein Einstieg mit Potenzial 

Alles begann mit einer Kampagne zur Gewinnung neuer Helferinnen und Helfer für den Katastrophenschutz. Menschen aus dem gesamten Hochsauerlandkreis wurden angesprochen, ausgebildet und auf ihre Aufgaben vorbereitet. 

Unter den Teilnehmenden waren auch Menschen mit Beeinträchtigungen. 

Einer von ihnen arbeitete in der Werkstatt, in der Heiner tätig ist. Sein Interesse am DRK war groß – und aus den ersten Schritten entwickelte sich eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. 

„Er hat angefangen im DRK als einfacher Helfer und wurde dann immer wieder mit Fördermöglichkeiten auch auf weitere Lehrgänge geschickt. Erst waren es die  einfachen Fachlehrgänge, dann wurden es Lehrgänge wie “Strom im Einsatz” und der Verpflegungshelferlehrgang und schlussendlich konnten wir ihn begleiten bis zum Feldkoch.“ 

Die größten Barrieren stehen oft nicht im Weg – sondern im Kopf 

Ganz ohne Skepsis verlief dieser Weg allerdings nicht. 

Am Anfang habe es schon Bedenken gegeben, z.B. bei Zug- oder Gruppenführer*innen, erinnert sich Heiner. Nicht jeder habe sich vorstellen können, Menschen mit Beeinträchtigung aktiv im Einsatzdienst zu erleben: 

“Da sind erst mal am Anfang doch einige dicke Bretter zu bohren gewesen, um zu sehen, dass diese Menschen auch nicht viel anders sind.” 

Doch die Erfahrungen zeigten schnell: Viele dieser Vorbehalte beruhen auf Annahmen, nicht auf tatsächlichen Grenzen. 

Menschen mit Beeinträchtigungen bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit. Manche arbeiten langsamer, manche benötigen Unterstützung bei der Mobilität oder können bestimmte körperliche Belastungen nicht leisten. Entscheidend ist jedoch die Frage, welche Aufgaben sie übernehmen können – und nicht, welche sie nicht übernehmen können. 

Verantwortung statt Beschäftigung 

Ein Beispiel ist Heiner besonders in Erinnerung geblieben. 

Ein Helfer mit körperlicher Einschränkung und Spastik wollte unbedingt Teil der Gemeinschaft sein. Schnelles Laufen oder langes Stehen waren für ihn kaum möglich. Trotzdem fand das Team eine passende Aufgabe. 

Er übernahm die Organisation der Getränkeausgabe bei Übungen und Einsätzen. 

Andere Helfer unterstützten ihn beim Aufbau, beim Transport der Getränke und bei körperlich anstrengenden Tätigkeiten. Die Verantwortung für den Bereich lag jedoch bei ihm. Und diese Aufgabe erledigte er über viele Jahre sehr gewissenhaft. 

Mit der Zeit wurde er für viele zum festen Gesicht der Getränkeausgabe. 

„Selbst Feuerwehrleute haben irgendwann gefragt: “Ist Alex heute nicht da?‘“ 

Jede Stärke zählt 

Im DRK gibt es viele Aufgaben, die unterschiedliche Fähigkeiten erfordern. Nicht jede Person muss alles können. 

Menschen mit Beeinträchtigungen können beispielsweise: 

  • in der Betreuung unterstützen,
  • Verpflegung ausgeben,
  • bei Koch- und Versorgungsdiensten helfen,
  • Veranstaltungen begleiten,
  • Informationsstände betreuen,
  • organisatorische Aufgaben übernehmen,
  • technische Abläufe unterstützen oder
  • Funk- und Kommunikationsaufgaben wahrnehmen. 

Wichtig findet er, dass individuell geschaut werden muss, welche Aufgaben und Verantwortungsbereiche passen und wo die Grenzen sind. 

“Im DRK sind Menschen mit stärkeren Beeinträchtigungen mit Sicherheit nicht in der Sanität vorne zu finden, wo schnelle Bewegungen und auch schnelle Reaktionen erforderlich sind. Aber nach hinten raus z.B. im Betreuen und in der Technik und Sicherheit Menschen zu haben, die vielleicht nicht die schnellsten sind, aber die trotzdem wissen, was sie tun, das ist unersetzlich." 

Gerade in Zeiten, in denen es für viele Hilfsorganisationen eine große Herausforderung ist, Nachwuchs zu finden, sieht Heiner eine große Chance, Menschen mit Behinderungen als potenzielle Ehrenamtliche in den Blick zu nehmen. 

Gemeinschaft entsteht durch Engagement 

Eine der größten Herausforderungen ist häufig die Mobilität. 

Viele Menschen mit Behinderungen können nicht selbstständig zu Diensten, Übungen oder Lehrgängen fahren. Hier braucht es Menschen, die unterstützen. 

Für den Helfer, den Heiner über Jahre begleitet hat, waren es zunächst die Eltern, die Fahrten übernommen haben. Oft sprang aber auch Heiner selbst ein. 

„Ich habe ihn häufig abgeholt und wieder nach Hause gebracht.“ 

Mit der Zeit entstand daraus etwas Besonderes: Heiners Engagement steckte andere an und sie organisierten fortan Mitfahrgelegenheiten. 

„Zum Beispiel andere Helfer, die näher an ihm wohnten, haben mir hinterher gesagt: Weißt du was?  Wir kommen auch, wir bringen ihn mit und wir fahren ihn abends auch wieder nach Hause.“ Und das funktionierte sogar gemeinschaftsübergreifend. 

Eine Chance für die Zukunft des DRK 

Es geht nicht darum, neue Tätigkeiten für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Vielmehr geht es darum, bestehende Aufgaben so zu verteilen, dass jede*r die eigenen Fähigkeiten einbringen kann. 

Menschen mit Beeinträchtigung können unglaublich viel leisten. Vielleicht brauchen sie manchmal etwas mehr Zeit oder eine andere Form der Unterstützung. Aber sie können eine echte Bereicherung für unsere Gemeinschaft, ist sich Heiner sicher. 

Seine Botschaft an das DRK ist deshalb klar: 

Wir können Menschen mit Beeinträchtigung an vielen Stellen im DRK einsetzen – wenn wir wollen. Wir müssen bereit sein, sie auszubilden, zu begleiten und ihnen eine Chance zu geben. Dann gewinnen am Ende alle. 

Mein Platz im DRK: „Man darf nicht aufgeben“ – Engagement mit Rollstuhl in der DRK-Gemeinschaft Wetter

Menschen mit Behinderungen engagieren sich auf vielfältige Weise im Deutschen Roten Kreuz. Einer von ihnen ist Dylan Böse aus der DRK-Gemeinschaft Wetter.

Der 23-Jährige ist seit fünf Jahren im DRK aktiv. Trotz einer körperlichen Behinderung engagiert er sich in der Einsatzeinheit, im Sanitätsdienst und im Bereich Information und Kommunikation. Im Gespräch berichtet er, warum Helfen für ihn so wichtig ist, welche Herausforderungen ihm begegnen und weshalb Durchhaltevermögen für ihn der Schlüssel zum Erfolg ist.

Auf dem Foto (v. l. n. r.): Ralf vom Projekt „Ehrenamt inklusiv“ und Dylan Böse aus dem DRK-OV Wetter

Helfen aus eigener Erfahrung  

Dylan lebt seit seiner Geburt mit einer ICP-Spastik. Dabei handelt es sich um eine neurologische Beeinträchtigung, die die Steuerung der Muskulatur beeinflusst. Dylan hat zwar Kraft, kann sie aber nicht kontrolliert einsetzen. Deshalb ist er auf einen Elektrorollstuhl angewiesen. 

Seinen Alltag bewältigt Dylan mit persönlicher Assistenz über das Persönliche Budget. 

„Ich bin selbstständiger Arbeitgeber und habe Assistenzkräfte, die mich im Alltag unterstützen – und natürlich auch beim Ehrenamt.“ 

Wenn der Funkmeldeempfänger alarmiert wird, fahren seine Assistenzkräfte einfach mit zum Einsatz. 

Für Dylan ist Helfen nicht nur ein Ehrenamt, sondern eine Herzensangelegenheit. 

„Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn man hilflos ist und auf andere Menschen angewiesen ist. Die Menschen, die die 112 anrufen, befinden sich in einer Ausnahmesituation. Wir helfen ihnen dabei, diesen Moment zu bewältigen.“ 

Das DRK gab ihm eine Chance 

Der Weg ins Ehrenamt war für Dylan nicht selbstverständlich. 

„Aufgrund meiner Behinderung wurde ich oft abgestoßen. Man hat mir nicht immer die Chance gegeben, Menschen zu helfen.“ 

Im DRK machte er eine andere Erfahrung. 

„Das DRK war die Institution, die gesagt hat: Wir wissen noch nicht, wo der Weg hinführt, aber wir versuchen es.“ 

Genau diese Offenheit war für ihn entscheidend. 

Heute ist Dylan fest in seiner Gemeinschaft verankert und übernimmt verschiedene Aufgaben. 

Verantwortung in Einsatz und Organisation 

Aktuell engagiert sich Dylan als Einsatzkraft in der Einsatzeinheit und unterstützt Sanitätsdienste. 

Darüber hinaus ist er im Ortsverein Wetter Beauftragter für Information und Kommunikation (IuK). Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem der Funkverkehr im Einsatz sowie verschiedene organisatorische Tätigkeiten im Hintergrund. 

„Ich kümmere mich viel um Verwaltung, Serverstrukturen, Personalakten und alles, was dazugehört.“ 

Damit übernimmt er wichtige Aufgaben, die für den Einsatzbetrieb unverzichtbar, oft aber wenig sichtbar sind. 

Dankbarkeit als Motivation 

Was Dylan an seinem Ehrenamt besonders schätzt, ist die direkte Rückmeldung der Menschen, denen geholfen wird. 

„Man sieht die Dankbarkeit bei den Menschen, wenn man ihnen aus einer Ausnahmesituation heraushelfen kann.“ 

Dieses Gefühl kennt er auch aus seinem eigenen Alltag. 

„Ich weiß selbst, wie dankbar ich meinen Assistenzkräften bin, dass sie da sind und mich in meinem Alltag unterstützen. Und genau diese Dankbarkeit spürt man auch bei den Menschen, denen wir helfen.“ 

Das ist es, was ihn jeden Tag wieder aufs neue motiviert, sich zu engagieren. 

Mit Worten helfen 

Neben seinem technischen und organisatorischen Engagement bringt Dylan noch eine weitere Stärke ein. 

Er ist ausgebildete Einsatzkraft der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV). 

„Meine größte Stärke ist meine Redegewandtheit.“ 

Gerade in der PSNV spiele die körperliche Verfassung oft eine geringere Rolle als die Fähigkeit, Menschen zuzuhören und sie in schwierigen Situationen zu begleiten. 

„Es zählt dabei, was man den Menschen mit seinen Worten mitgeben kann.“ 

Teil einer starken Gemeinschaft 

Besonders deutlich wurde das Gemeinschaftsgefühl für Dylan bei einem großen Sanitätsdienst während des Seefestes in Wetter. 

Der Einsatz stellte die Helferinnen und Helfer vor große Herausforderungen. Zeitweise waren sämtliche Fahrzeuge unterwegs und die verfügbaren Ressourcen nahezu ausgeschöpft. 

Als der Dienst beendet war, waren alle erschöpft. 

„Aber wir waren auch froh und das war dieser Moment, wo man wirklich gemerkt hat, dass uns allen praktisch ein Stein vom Herzen gefallen ist und dass wir alle wissen, wofür wir es tun. Und dann ist es natürlich ein schönes Gefühl, Teil dessen zu sein.“ 

Barrieren gehören zum Alltag 

Trotz vieler positiver Erfahrungen begegnen Dylan regelmäßig Hindernisse. 

Dabei sind es oft Dinge, über die andere Helferinnen und Helfer gar nicht nachdenken müssen. 

„Wie komme ich zum Einsatz? Wie komme ich wieder nach Hause? Das sind Fragen, die sich viele gar nicht stellen.“ 

Besonders deutlich wurde das, als sein speziell umgebautes Fahrzeug einmal ausfiel. 

„Der Melder ging mehrmals an diesem Tag. Ich saß zu Hause und konnte nicht helfen. Für jemanden wie mich ist das praktisch die Höchststrafe: sie zu Hause festzuketten und zu sagen: du darfst jetzt nicht in den Einsatz gehen und du darfst jetzt nicht helfen.” 

Auch bauliche Hindernisse spielen im Einsatz immer wieder eine Rolle. 

„Es muss nur eine Treppe vor mir sein. Dann muss ich erst einmal schauen, ob es einen anderen Weg gibt.“ 

Viele dieser Herausforderungen bleiben für Außenstehende oft unsichtbar, verlangen Dylan und seinem Team aber immer wieder viel Kraft, Zeit und Frustrationstoleranz ab. 

Mehr Unterstützung beim Einstieg 

Wenn Dylan über Verbesserungsmöglichkeiten nachdenkt, sieht er vor allem einen Bedarf an Begleitung und Vernetzung. 

„Viele Menschen wissen gar nicht, an wen sie sich wenden können, wenn sie sich engagieren möchten.“ 

Er könnte sich deshalb Pat*innen-Modelle für neue Ehrenamtliche vorstellen. 

„Jemanden, der in den ersten Jahren ansprechbar ist und unterstützt, wenn Fragen oder Probleme auftauchen.“ 

So könnten Hürden frühzeitig erkannt und gemeinsam gelöst werden. 

Inklusion braucht passende Rahmenbedingungen 

Auch bei Fahrzeugen sieht Dylan Entwicklungsmöglichkeiten. 

Viele Fahrzeuge im Bevölkerungsschutz oder im Sanitätsdienst seien für Menschen mit schweren Mobilitätseinschränkungen nicht nutzbar. 

„Es sollte Möglichkeiten geben, damit auch Helfer*innen mit einem Rollstuhl an geplanten Diensten und Einsätzen teilnehmen können.“ 

Dabei gehe es nicht darum, jedes Fahrzeug umzubauen, sondern über sinnvolle und praktikable Lösungen nachzudenken. Und in vielen Fällen würde das für ihn eine Erleichterung darstellen, denn die wenigsten Einsätze spontan, sondern vorausgeplant: 

“Das was nicht geplant ist, sind die erweiterten Rettungsdiensteinsätze und die Katastrophenschutzeinsätze wenn der Melder jetzt losgeht, das ist klar, da werde ich immer auf meinen Privat- PKW zurückgreifen. Was ich auch liebend gerne mache. Das ist gar kein Problem. Aber 95 % der Dinge, die das DRK macht, die sind planbar und dann ist es sehr schade, dass das DRK nicht über Möglichkeiten verfügt, dass solche Hilfskräfte eben zum Einsatz kommen, weil aktuell ist es so, dass du als Hilfskraft wie ich in dem Moment sogar noch draufzahlst.” 

Nicht entmutigen lassen 

Wenn Dylan anderen Menschen mit Behinderungen einen Rat geben könnte, müsste er nicht lange überlegen. 

„Macht es einfach.“ 

Sein Weg im DRK sei nicht immer leicht gewesen. 

„Den Platz, den ich heute in meiner Gemeinschaft habe, musste ich mir erarbeiten.“ 

Rückschläge habe es immer wieder gegeben. Entscheidend sei jedoch, sich davon nicht entmutigen zu lassen. 

„Man darf nicht aufgeben. Wenn man ein Ziel vor Augen hat, sollte man daran festhalten und seinen Weg weitergehen.“ 

Seine Botschaft ist klar: Engagement lohnt sich – auch wenn der Weg manchmal steinig ist. 

Oder, wie Dylan selbst sagt: 

„Man darf sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen, sondern muss sein Ziel weiterverfolgen.“ 

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